„RT60 kam bei fast 2 Sekunden heraus. So lange kann mein Raum unmöglich nachhallen.“ Dieses Bauchgefühl stimmt meistens. Kaputt ist die Aufnahme, nicht der Raum, häufiger als man denkt.
Fazit
Die größte Ursache für einen zu lang angezeigten RT60 ist die übersteuerte Aufnahme, nicht der Raum. Der Kopf des Abklingverlaufs wird gestaucht und die Steigung flacht ab, also kommt ein Wert heraus, der länger ist als die Realität, oder schlicht kaputt. Den Aufnahme-Spitzenwert bei -6 bis -12 dBFS halten, und das meiste verschwindet.
Warum das passiert
RT60 ist eine Größe aus der Steigung des Abklingens. Übersteuert die Sweep-Aufnahme, werden die Wellenspitzen gekappt, und die Energie nahe dem Einsatz wird kleiner aufgezeichnet, als sie wirklich ist. Der Kopf der Schroeder-integrierten Abklingkurve fällt dann zusammen und die Steigung legt sich. Eine flachere Steigung, aus dem Bereich -5 bis -35 dB auf volle 60 dB extrapoliert, ergibt eine längere Zeit. Genau das ist „länger als die Realität“. Im schlimmen Fall lässt sich die Regression gar nicht legen und der Wert kippt Richtung NaN.
Das Ärgerliche: Es entsteht aus einem gut gemeinten Schritt. „Lauter aufnehmen sollte besseren SNR geben“, also dreht man auf, und die energiereichen Mitten des Sweeps übersteuern. Der Versuch, SNR zu holen, ist genau der, der RT60 kaputt macht. Auch das Sonir-Team ist früh im Sweep-Runner darauf gestoßen, mit der Aufnahme bei 0 dBFS festgeklebt und RT60 als NaN, und hat einen halben Tag verloren, bis klar war, dass nicht der Raum schuld war.
Ein gesundes Abklingen fällt sauber (blau). Übersteuerung staucht den Kopf und legt die Steigung flach (rot), also läuft die 60-dB-Extrapolation länger
So grenzt man die Ursache ein
Diese der Reihe nach abklopfen, dann weiß man schnell, ob es der Raum ist.
- Den Aufnahme-Spitzenwert prüfen: zuerst der Pegel. Klebt er bei 0 dBFS oder steht eine Übersteuerungswarnung, ist es das. Ziel: -6 bis -12 dBFS.
- Lautstärke senken und neu aufnehmen: bei Übersteuerung den Lautsprecher knapp unter die Übersteuerung senken und erneut messen. Das holt RT60 meist auf normal zurück.
- SNR über die Sweep-Länge holen: fehlt nach dem niedrigeren Pegel SNR, die Lautstärke nicht wieder hochdrehen. Den Sweep verlängern. Ein längerer Sweep ist in der Korrelation robuster gegen Rauschen und hebt SNR ohne mehr Pegel. Auch Rauschen im Abklingschwanz macht die Steigung flach.
- AGC ausschalten (Android): bei Geräten, die in leisen Passagen die Verstärkung anheben, hebt sich der Abklingschwanz und liest sich lang. Sonir dämpft die AGC, manche Geräte drücken am internen Mikrofon weiter.
- Raum und Aufnahme nach Bändern trennen: hilft nichts davon, erst dann den Raum verdächtigen. In Oktavbänder aufteilen. Zieht nur der Bass, sind es Raummoden; ist jedes Band gleichmäßig lang, bleibt Raum, die Aufnahme zu verdächtigen.
Übrigens flacht auch das Gegenteil von Übersteuerung die Steigung ab: Grundrauschen oder AGC, die den Abklingschwanz anheben. Aber der Häufigkeit nach landet man zuerst bei der Übersteuerung.
Häufige Fragen
Ist Clock-Drift die Ursache eines kaputten RT60?
Oft beschuldigt, aber bei Handy-Messungen ist die Hauptursache einer abnormen RT60 die Übersteuerung. Drift zwischen Wiedergabe und Aufnahme gibt es, doch sie ruiniert die Steigung nicht so stark. Zuerst prüfen, ob der Aufnahme-Spitzenwert bei -6 bis -12 dBFS liegt.
Es übersteuert nicht, der RT60 ist trotzdem lang.
Dann Grundrauschen und AGC verdächtigen. Trifft der Abklingschwanz den Rauschteppich oder hebt die AGC ihn an, flacht die Steigung ab. Den Sweep verlängern, um SNR zu holen, und die automatische Verstärkung abschalten.
Der RT60 ändert sich bei jeder neuen Aufnahme.
Wahrscheinlich wandert der Aufnahme-Spitzenwert. Ist er nicht stabil knapp unter der Übersteuerung, wandert auch die Steigung. Bei -6 bis -12 dBFS fixieren, dann wird es reproduzierbar.
Wie weit soll ich die Lautstärke senken?
Bis der Spitzenwert bei -6 bis -12 dBFS liegt. Fehlt dann SNR, mit einem längeren Sweep ausgleichen, nicht mit mehr Lautstärke. Diese Reihenfolge nicht umdrehen.
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Sonir ist eine App, die akustische Messung und Vergleich vollständig auf dem Smartphone erledigt. Auch die RT60 aus diesem Artikel: Sweep abspielen, aufnehmen, und aus der IR kommen RT60, EDT, C50 und Wasserfall automatisch. Pegelüberwachung und eine Übersteuerungswarnung sind eingebaut. Alles ist kostenlos, auch die Tiefe je Band.
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