Wer einen Raum allein am RT60 misst, gerät gelegentlich in Widerspruch zum eigenen Ohr. Zwei Räume können beide bei 0,4 s liegen, und der eine klingt artikuliert, der andere verwischt. Genau diese Differenz fangen EDT und C50 ein.
Fazit
RT60 ist die Steigung des gesamten Abklingens, EDT die der ersten 10 dB, C50 / C80 das Verhältnis früher zu später Energie. Für die Länge des Nachhalls liest man RT60 und EDT, für die Deutlichkeit C50 (Sprache) oder C80 (Musik).
Was jede Kennzahl misst
Je eine Zeile.
| Kennzahl | Was sie zeigt | Ausgewertet über | Einheit |
|---|---|---|---|
| RT60 | Länge des Nachhalls | Steigung -5 bis -25 dB, auf 60 dB extrapoliert (T20) | s |
| EDT | gehörter Nachhall | Steigung 0 bis -10 dB, auf 60 dB extrapoliert | s |
| C50 | Sprachdeutlichkeit | Energie 0–50 ms gegen alles danach | dB |
| C80 | musikalische Deutlichkeit | Energie 0–80 ms gegen alles danach | dB |
| D50 | Anteil früher Energie | 0–50 ms ÷ gesamt | 0 bis 1 |
RT60 und EDT betrachten verschiedene Abschnitte derselben Abklingkurve. C50 und C80 zerschneiden die Zeitachse in früh und spät und bilden ein Energieverhältnis. Der einzige Unterschied ist, wo der Schnitt liegt, bei 50 ms oder bei 80 ms.
Links: RT60 wertet -5 bis -25 dB aus, EDT 0 bis -10 dB. Rechts: C50 und C80 vergleichen die Energie beiderseits des Schnitts
Was es bedeutet, wenn RT60 und EDT auseinanderlaufen
Das ist der praktisch wertvollste Teil.
Wäre das Abklingen perfekt linear, kämen EDT und RT60 auf dieselbe Zahl. Echte Räume tun das nicht. Im Abschnitt 0 bis -10 dB, den der EDT nutzt, stecken nur Direktschall und frühe Reflexionen: der EDT misst also, wie der allererste Moment abfällt. Der Abschnitt -5 bis -25 dB des RT60 liegt später, wenn der ganze Raum klingt.
Ein Raum mit kürzerem EDT als RT60 hat demnach starke frühe Reflexionen und einen schnellen ersten Abfall. Er kann auf dem Papier lang messen und trotzdem straff klingen. Der umgekehrte Fall, EDT länger als RT60, bedeutet ein träges erstes Abklingen: die Absorption ist ungleich verteilt und Energie bleibt direkt hinter dem Direktschall stehen.
Übersteigt der EDT den RT60 aber deutlich, sollte man zuerst die Messung verdächtigen und nicht den Raum. Wird unter die Rauschgrenze hinaus integriert, sammelt sich Rauschenergie im Nachhallschwanz und legt die Steigung flach. Dieser Fehler zeigt sich zuerst im EDT. Sonir schätzt, wo das Abklingen die Rauschgrenze erreicht, und nimmt alles danach aus sämtlichen Kennzahlen heraus. War der SNR jedoch von vornherein schlecht, wird auch diese Schätzung ungenau. EDT ≫ RT60 heißt: zuerst den SNR der Aufnahme prüfen.
C50 und D50 sind eine Zahl in zwei Kleidern
C50 gibt das Verhältnis in dB an, D50 als Anteil. Ausgeschrieben: C50 = 10·log10(D50 ÷ (1 − D50)). Bei D50 = 0,5, also der Hälfte der Energie in den ersten 50 ms, ist C50 genau 0 dB. Man liest, was einem lieber ist, das andere folgt daraus.
Ein höherer C50 heißt, frühe Energie dominiert und Sprache ist leichter zu folgen. Mit größerem Abstand wächst die späte Energie, also sinkt C50. Er verändert sich schon beim Platzwechsel im selben Raum, was ihn für Positionsfragen schärfer macht als den RT60.
Was Sonir liefert und was nicht
Ehrlich gesagt: automatisch aus der IR kommen RT60, EDT, C50 und D50. C80 wird nicht berechnet. Für musikbezogene Deutlichkeitsarbeit ist das eine Lücke, und sie ist noch offen.
Aufwand steckt stattdessen in der Verlässlichkeitsseite. RT60 (T20) braucht rund 25 dB nutzbaren Abfall, EDT etwa 10 dB, und diese Bedingung wird geprüft statt vorausgesetzt. Die Auswertung je Oktavband (63 / 125 / 250 / 500 / 1k / 2k / 4k / 8k Hz, nach ISO 3382) prüft zusätzlich die Linearität der Regression und den SNR im Band und meldet, wie viele Bänder unglaubwürdig ausfielen. Sagen zu können, dass eine Zahl kaputt ist, schien nützlicher als eine weitere Zahl.
Die Lesereihenfolge
- Sweep aufnehmen. Spitze bei -6 bis -12 dBFS.
- Nutzbaren Abklingbereich prüfen: rund 25 dB für RT60, etwa 10 dB für EDT.
- RT60 und EDT vergleichen. Kürzerer EDT heißt starke frühe Reflexionen, ein viel längerer heißt SNR prüfen.
- C50 (oder D50) lesen. In einem sprachlastigen Raum ist das der hörbare Teil.
Am Rande: Trotz vier Kennzahlen auf dem Schirm schaue ich am häufigsten auf das Verhältnis von RT60 zu EDT. Den Unterschied zwischen 0,42 s und 0,38 s hört niemand, einen EDT beim 1,5-fachen des RT60 schon.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen EDT und RT60?
Das ausgewertete Intervall. RT60 extrapoliert die Steigung zwischen -5 und -25 dB auf 60 dB (T20), EDT die Steigung über die ersten 0 bis -10 dB. EDT reagiert empfindlich auf frühe Reflexionen und liegt näher am gehörten Nachhall.
Soll ich C50 oder C80 anschauen?
C50 (Trennung bei 50 ms) ist bei Sprache und Dialog üblich, C80 (80 ms) bei musikalischer Deutlichkeit. Nur der Trennzeitpunkt unterscheidet sich, beide sind das Verhältnis früher zu später Energie.
Gibt Sonir C80 aus?
Nein. Automatisch aus der IR kommen RT60, EDT, C50 und D50. C80 wird nicht berechnet. Wer eine musikbezogene Deutlichkeitskennzahl braucht, exportiert die IR und rechnet sie anderswo.
Mein EDT ist viel länger als der RT60. Ist der Raum schlecht?
Meist liegt es an der Messung, nicht am Raum. Wird unter die Rauschgrenze integriert, sammelt sich Rauschen im Nachhallschwanz und dehnt den EDT. Zuerst prüfen, ob der SNR reicht und ob ein längerer Sweep möglich ist.
Muss ich D50 und C50 getrennt lesen?
Nein. Es ist dieselbe Größe auf zwei Skalen: C50 = 10·log10(D50 ÷ (1 − D50)). Bei D50 = 0,5, also der Hälfte der Energie innerhalb von 50 ms, ist C50 genau 0 dB.
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